FAQ. Physiotherapie

Was sind Krankengymnastik und Physiotherapie?
Physiotherapeutische
Maßnahmen sind so alt wie die Medizin. Schon in vorchristlichen Schriften
wurden verschiedene Formen der Bäder und Massage zu Heilzwecken erwähnt.
Bewegungstherapeutische Aspekte findet man in Texten aus der Zeit des antiken
Rom. Und im 18.Jahrhundert begann man die Elektrizität für therapeutische
Zwecke nutzbar zu machen. Die Entwicklung, die den Beruf des Physiotherapeuten
in Deutschland hervorbrachte, geht ins 19.Jahrhundert zurück. Bis zu dieser
Zeit gab es eine noch aus dem Mittelalter stammende Einteilung in unterschiedlichste
medizinische Berufe. Die Vorläufer der heutigen Physiotherapeuten waren die
"Scherer", die zusammen mit den "Badern" zur Zunft der Schmiede gehörten.
Die Scherer hatten die Berechtigung, ihre Messer und Scheren selber
zu schleifen. Als Praktiker der "kleinen" chirurgischen Eingriffe bewies dieser
Berufsstand oftmals mehr Geschick bei der Behandlung von Wunden, Brüchen
und Verrenkungen als die akademischen Ärzte, denn diese arbeiteten auf Basis
der Galen'schen Säftelehre vorwiegend im Bereich der Inneren Medizin und
boten ihre Dienste hauptsächlich den Wohlhabenden und Adligen an. Die Bader
waren im wesentlichen für Zahn- und Steinleiden zuständig, die sie auch
chirurgisch behandelten. Die Hebammen bildeten das Bindeglied zur gynäkologischen
Medizin, und die pflegerischen Berufe hatten ihre Wurzeln in den Klöstern.
Wichtige Privilegien der heutigen Physiotherapie wurden durch die Scherer gesichert.
Im 18. Jahrhundert trennten sich die Scherer von den Badern. Im weiteren Verlauf
entwickelten sich aus diesen die Berufe des medizinischen Bademeisters, der Fußpfleger,
Masseure und Heilgymnasten (die Bewegungstherapie wurde in dieser Zeit Heilgymnastik
genannt). Zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden verschiedene Methoden zur bewegungstherapeutischen
Behandlung von Knochen- und Gelenkdeformitäten (z.B. durch Rachitis) und
Wirbelsäulenverkrümmungen (Skoliose). Auch die Entdeckung des positiven
Einflusses der Bewegung auf Herz- und Kreislauferkrankungen fiel in diese Zeit.
Im Jahr 1900 wurde in Kiel mit der "Kieler Lehranstalt für Heilkunst" die
erste Physiotherapie-Schule eröffnet, weitere Einrichtungen folgten in rascher
Folge.
Unter schwedischen Einfluß setzte sich allmählich
der Begriff Krankengymnastik durch. In Ermangelung geschulten Personals wurden
bewegungstherapeutische Behandlungen vielfach von Turn- und Gymnastiklehrern durchgeführt.
Dadurch wurden den Patienten anfangs lediglich Turnübungen für Gesunde
abverlangt. Doch im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Vielzahl von speziellen
Therapiemethoden, die immer mehr den individuellen Einschränkungen der Patienten
angepaßt wurden. Durch die Zunahme der Behandlungsvielfalt wurde eine Reformierung
von Umfang und Inhalten der Ausbildung notwendig. So entstand in den 40er Jahren
ein völlig neuer Beruf. Besonders in der Behandlung neurologischer Erkrankungen
gab es im 20.Jahrhundert erhebliche Neuerungen. Namentlich die Therapiemethoden
von Berta und Karel Bobath, Vaclav Vojta und Herman Kabat führten zu einer
effektiven Behandlung von Lähmungen nach Unfällen und bei Hirnschädigungen.
Im Hinblick auf die physiotherapeutische Behandlung von orthopädischen Krankheitsbildern
gab es wesentliche Veränderungen durch die Erkenntnisse der Manuellen Therapie,
die funktionelle und biomechanische Gesichtspunkte von Bewegungungen und Bewegungsstörungen
untersucht und behandelt. In jüngster Zeit gewinnen die Erfahrungen der Osteopathie
im allgemeinen und der Cranio-Sacral-Therapie und der Viszeralen Manipulation
im speziellen zunehmend an Bedeutung in der Weiterentwicklung der Physiotherapie.
Die Erkenntnis, dass auch die Organe und die Schädelknochen beweglich sind,
zwingt die Physiotherapeuten dazu, auch deren Beweglichkeit in ihrer Behandlung
zu berücksichtigen. Durch die Änderung des Berufsrechtes im Jahre 1994
wurde für den Begriff Krankengymnast der Begriff Physiotherapeut eingeführt.
Diese Bezeichnung ist auch international üblich.
Moderne Physiotherapie
Der aktuelle Ansatz der Physiotherapie ist, daß Bewegung eine Lebensgrundlage
ist. Daraus leitet sich ab, daß Bewegungstherapie nicht nur aus der Beseitigung
einer gestörten Funktion bestehen kann, sondern das generelle Wohlbefinden
des Menschen berücksichtigen muß. Nicht nur ein beeinträchtigter
Körperteil wird behandelt, sondern der Mensch in seiner Gesamtheit ist maßgeblich
(siehe auch: Ganzheitliche Krankengymnastik). Zusätzlich zu der ganzheitlichen
Sicht des Patienten und seiner Beschwerden wird die moderne Physiotherapie dadurch
charakterisiert, dass sie darauf abzielt, an innere Ordnungskräfte und Selbstheilungsmechanismen
des Körpers zu appellieren. In der Behandlung sollen möglichst natürliche
Heilungsvorgänge genutzt, unterstützt und verbessert werden. Indikationen,
Bewegung und Beweglichkeit sind die Begriffe, die am häufigsten mit der Physiotherapie
in Verbindung gebracht werden. Aber Physiotherapie ist mehr, sie nimmt Einfluß
auf die Funktion des Bewegungssystems, die Funktion der inneren Organe, die Bewegungsentwicklung
und -kontrolle und das Verhalten und Erleben. Somit können Funktionsstörungen
des Bewegungsapparates (z.B. Gelenk- und Rückenschmerzen), Funktionsstörungen
des Nervensystems (z.B. Lähmungen, Multiple Sklerose, Schlaganfall), Funktionsstörungen
innerer Organe (z.B. Asthma, Verstopfung, Herzerkrankungen), Fehlentwicklungen
(z.B. Entwicklungsverzögerung bei Säuglingen), Verletzungsfolgen (z.B.
Knochenbrüche, Bänderrisse, Amputationen) und Folgen psychischer und
psychosomatischer Störungen durch physiotherapeutische Maßnahmen beeinflusst
werden. Zu Beginn der Behandlung erstellt der Physiotherapeut einen Befund (die
Erstellung einer Diagnose ist in Deutschland Ärzten und Heilpraktikern vorbehalten),
um sich ein komplexes Bild über die Beschwerden des Patienten zu machen.
Der Befund dient dazu, Symptome und Ursachen in Zusammenhang zu bringen, denn
nur selten sind Ursache und Wirkung am gleichen Ort zu finden. Die eigentliche
Behandlung besteht dann aus passiven und aktiven Techniken. Je nach Ergebnis des
Befundes kann die eine oder andere Methode überwiegen. Physiotherapie besteht
bekanntermaßen keinesfalls nur daraus, Turnübungen zu vermitteln. Wenn
der Physiotherapeut feststellt, daß die Schulterbewegung des Patienten schmerzhaft
ist, weil sich z.B. die Leber bei der Ausatmung nicht ausreichend mit dem Zwerchfell
nach oben bewegt, ist es sinnlos aktive Übungen mit der Schulter durchzuführen.
In diesem Fall wird sich ein besseres Behandlungsergebnis einstellen, wenn der
Therapeut mit passiven Techniken der Viszeralen Manipulation die Beweglichkeit
der Leber verbessert. Ähnlich verhält es sich, wenn etwa Narben zu einer
eingeschränkten Beweglichkeit eines oder mehrerer Gelenke führen.
Ebenso ist denkbar, daß Fehlfunktionen eines Organes zu Blockierungen
an der Wirbelsäule führen. In diesem Fall wird der Physiotherapeut versuchen,
durch passive Techniken die Organdurchblutung zu verbessern (z.B. durch spezielle
Massageformen, "Heiße Rolle", Lagerungen, Methoden der Traditionellen Chinesischen
Medizin). Die aktiven Behandlungsmethoden gewinnen also an Bedeutung, wenn passive
Bewegungshindernisse im Körper möglichst weitgehend beseitigt sind.
Dann ist es sinnvoll, Fehler in der Körperhaltung oder im Bewegungs- und
Belastungsverhalten des Patienten zu verändern.